Schafskälte

Schafskälte erzählt die Vorgeschichte des Wollschafs, einer Figur im Buch »Alice hinter den Spiegeln« – der Fortsetzung des Buches »Alice im Wunderland« von Lewis Carroll – bis zu dem Zeitpunkt als es auf Alice trifft. Ich erzähle die Geschichte, wie es zu einer verbitterten tragischen Figur wurde und dass dies nicht immer so war.

Tusche, Rapidograph auf Papier
205 mm × 250 mm

 

Geschichte

»Ich lauf und lauf und doch bleibt alles gleich. Ganz und gar unverändert. Immer dieselben langweiligen Bäume, Felder auf denen nichts wachsen kann und will. Das Gras – es schmeckt wie es aussieht – fade. Wie bin ich nur hierhergekommen? Ich bin dazu verdammt auf ewig im Kreis zu laufen. Aber vielleicht schaffe ich es, wenn ich renne …« Das Wollschaf begann zu rennen – schneller, immer schneller – seine Atmung wurde schwerer, seine Augen tränten – es begann zu regnen. »Was zur Hölle tu ich hier? Was hat mich aus meiner Welt herausgerissen und an diesen verlassenen Ort verbannt?« Seine Augen fielen schließlich zu und das Schaf fiel an Ort und Stelle zu Boden. Die Wolle hing strähnig und von Wasser getränkt an ihm herab. Was einst schillernde, weiße und gepflegte Wolle war, ist jetzt eine verfilzte schwarze Masse. Das Wollschaf verfiel in einen unbequemen Schlaf und doch war dies der einzige Ort, an dem es glücklich war. Es war zurück auf seiner Weide, umgeben von saftigem Grün, von Vögeln und seiner geliebten Herde. Es unterhielt sich, scherzte und lachte und war zusammen mit seinen Liebsten, als auf einmal … das Bild verschwamm, das Wollschaf verspürte einen ziehenden Schmerz in der Nase und öffnete widerwillig die Augen. Ein Krebs stand neben ihm und klapperte wie wild mit seinen Scheren. »Oh, bitte um Verzeihung, aber wenn es regnet muss ich einfach tanzen und dann passiert es ganz von selbst, dass meine Scheren mit mir durchgehen. Dieses Plätschern, dieser Takt …« Der Krebs ließ seine Hüften kreisen und das Wollschaf musterte ihn dabei. Seltsam. Statt Krebsscheren hatte dieses Exemplar richtige Küchenscheren. »Pass lieber auf. Mir scheint, du kannst mit den Dingern nicht mal umgehen. Du schneidest noch aus Versehen jemanden den Kopf ab«, sagte das Schaf zu ihm und kontrollierte seine Nase auf Schnitte und Blutspuren, während der Krebs immernoch seinen Regentanz vollführte. Das Schaf hatte wohl eine ganze Weile geträumt, denn die Landschaft um es herum hatte sich fast vollständig mit Wasser gefüllt. Es selbst saß zum Glück auf einer Erhebung, die jetzt zu einer winzigen Insel wurde.
»Du bist ja nicht gerade das blühende Leben« unterbrach der Krebs seine Gedankengänge. »Los! Tanz mit mir den Tanz der lachenden Tropfen, sonst hört es noch auf mit Regnen!«
»Ob es nun regnet oder schneit. Es ist mir gleich. Tanz mit dir allein. Lass mich in Ruhe. Hörst du nicht? Du gehst mir auf die Nerven mit deinem sinnlosen Rumgetänzel.« Der Krebs ließ augenblicklich die Scheren sinken. So unfreundlich war bisher noch niemand zu ihm gewesen. Gekränkt und enttäuscht flutschte er zurück ins Wasser aus dem er gekommen war, streckte aber ab und an noch die Äuglein aus dem Wasser, um zu sehen, was das Schaf so treibt.

Kaum war der Krebs verschwunden, sank das Wollschaf in sich zusammen und fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Es zuckten Bilder in ihm auf, von schönen Tagen auf seiner alten Weide, dann wieder von der trüben Landschaft, dem seltsamen Krebs, von zu viel Wasser und mit jeder Stunde, die so verging, wurden die Bilder verzerrter und unwirklicher. Das Wollschaf schaffte es nicht mehr aufzuwachen. In einem Zustand zwischen Wachheit und Schlaf siechte es dahin und kam Tag für Tag dem Tod näher und näher.

An einem anderen Tag näherte sich aus dem Nebel ein Ruderboot. Aus ihm stiegen der Krebs und ein Fischmann hervor, den der Krebs überredet hatte, sich das verlassene und verbitterte Schaf einmal genauer anzuschauen. Zusammen hievten sie den halb leblosen Schafskörper in das Boot und setzten sich in Bewegung, um ein Stück Land zu erreichen. Beide schwiegen. Der Krebs klapperte leicht mit seinen Scheren einen schweren langsamen Takt ohne es selbst zu bemerken. Angekommen am Ufer schleiften der Krebs und der Fisch das Wollschaf in ein Haus. Der Krebs schnitt mit seinen Scheren die Massen an herunterhängender Schafswolle ab. Sie setzten es aufrecht hin und gaben ihm eine Kiste voll mit Stricknadeln in die Hand. Zu seinen Füßen legten sie die frisch geerntete Wolle. So langsam kam das Schaf wieder zu sich, sah den Krebs, dann die Wolle, die Nadeln und es begann zu stricken. Es war wach und ansprechbar, doch ein Teil von ihm blieb in den zuckenden Träumen zurück.

Der Fischmann richtete ihm einen Laden ein und kümmerte sich um das Schild. Auf dem stand: »Strickwaren und andere Lebendmittel« und er hängte es vor dem Ladeneingang auf. Mehr konnte er nicht tun. Er und der Krebs gingen wieder ihrer Wege und dem Schaf war es einerlei. Es öffnete den Laden, setzte sich und strickte und es arrangierte sich mit seinem Schicksal. Die Jahre vergingen und bald hatte es auch seine Weide ganz und gar vergessen. Seine Tätigkeit musste es nur unterbrechen, wenn lästige Kunden kamen, um etwas zu kaufen – so wie an einem öden,  einsamen, langweiligen Tag, als ein kleines Mädchen im Laden auftauchte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.